...jung..mutig.gemeinsam-
das Kreuz des 21. Jahrhunderts!
 






 

Worte zu „Tatort Kreuz“ – Ausstellung von Assemblage-Kreuzen in Kloster Drübeck

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Rosl und Dieter Lahme,

Liebe auf den ersten Blick war es nicht, als ich zum ersten Mal die gestalteten Lebenskreuze des Künstlers Dieter Lahme zu Gesicht bekam. Es mag drei Jahre her sein, als Rosl und Dieter Lahme in meinem Pfarrhaus auftauchten, um mir ihr Konzept der Kreuz-Assemblagen vorzustellen. Damals stellte mit Dieter Lahme sein Knospen oder Lebenskreuz, was mir der liebste Name für das dreidimensionale Gebilde aus Holz, Metall oder Keramik ist, noch unter dem Namen „Babykreuz“ vor. Babykreuz fragte ich irritiert zurück? Was erinnert an diesem Kreuz bitte an ein Baby?

Auf meine Frage hin drückte Rosl Lahme das Lebenskreuz mit beiden Händen an ihre Brust und gab eine mir einleuchtende Antwort: dieses Kreuz drücken Frauen an sich wie ein Baby, denn es ist warm und weich wie ein Baby, es hat abgerundete , knospende Enden, die Blüten und Frucht verkünden, Leben und Zukunft. Es hat viel Weiblichkeit in sich selbst, fügte Dieter Lahme hinzu, dem diese zuwendende Weiblichkeit seiner Lebenskreuze bis heute äußerst wichtig ist.

Denn Frauen bringen Leben zur Welt. Und auch aus einem Kreuz kann Leben erwachsen, dann nämlich, wenn der Künstler selbst, aber mit und neben ihm auch Menschen aller Altersgruppen ihr Leben mit dem Kreuz zusammenbringen. Ihr Leben auf das Kreuz bringen. Ihr Leben vom Kreuz her denken. CROSS OVER, wie Deiter Lahme seine Ausstellungen meistens nennt, was mir besser gefällt als „Tatort Kreuz“. Cross over. Übers Kreuz. Kreuzung. Träume auf das Kreuz gebracht. Blüten, Ängste, Strandgut, Witz, Tod, Erotik, Zeitungsausschnitte, Bekanntes und Verfremdetes: Leben eben. Auf das Kreuz gebracht. Auf ein Lebenskreuz.

       
   
       
 

Wir sehen es an den Wänden dieses Hauses. Wir sehen es im Raum. Lebenskreuze. , Kreuzesleben. Verkreuztes. Und auch Verrücktes im wahrsten Sinne des Wortes: ver-rückt. Dinge, die an eine andere Stelle gestellt wurden, als an die, an der sie sonst stehen, erscheinen uns hin und wieder verrückt. Auch Gefühle.

Doch vielleicht, und für mich steht dies eigentlich fest, ist das Verrückte manchmal die einzige Weise, etwas neu zu sehen, aus einer anderen, eben verrückten Perspektive. Vielleicht lehren uns Menschen mit verrückten Gefühlen unsere so genannten normalen Gefühle kritischer zu überprüfen. Jesus, der am Kreuz hing, hatte viel Sympathie für Menschen, die anders dachten, lebten und glaubten als die Mehrheit.

Ich habe am Anfang gesagt, dass mir die Kreuzeskunst eines Dieter Lahme anfänglich fremd und sogar ein wenig verdächtig erschien. Als Christin und Pfarrerin lebe ich, solange ich denken kann, mit Kreuzen an Wänden und in Kirchen, in Kunstbänden und auf Schreibtischen. Das Kreuz ist Teil meiner Alltags- und Sonntagskultur. Es hat meine Augen geprägt, meine Sprache, meine Sehgewohnheiten.

Aber genau darin lag mein Betrachtungsproblem der Kunst von Dieter Lahme. Meine Sehgewohnheiten waren festgelegt, geprägt von Kreuzen unterschiedlicher Kunstepochen. Und bei Dieter Lahme fand ich nun jede Menge Ver- rücktes: beispielsweise ein Kreuz unter einem Sektkorken oder auf einem Blechkarrussell, am Griff einer Gießkanne oder an der Zehenspitze eines Pantoffels.

Will ich dieses Zeichen dort haben, darf es dort sein? Darf dieses Zeichen dort seinen Sitz im Leben haben, ein Zeichen, das nicht nur vom Leben, sondern auch von Karfreitag, von Mord und Tod, Einsamkeit und Verrat erzählt?

Es darf und es soll, sage ich heute, da ich mich auf den langen Weg von Dieter Lahme mit seinen Lebenskreuzen eingelassen habe. Jesus würde sich freuen, wenn Menschen das Kreuz nicht nur als Schandpfahl, sondern als Aufbruch ins Leben verstehen, als Zeichen der Zuwendung, so wie der Künstler es selbst sieht. Das Kreuz ist für mich ein Zeichen der Zuwendung schlechthin, sagt Dieter Lahme. Und mit diesem Zuwendungszeichen beschäftigt er sich seit Jahrzehnten. Es lässt ihn nicht los. Es ist da und lebensfördernd, beinahe wie der tägliche Atem.

 
       
   
       
 

Dieter Lahme wurde 1938 in Emmerich geboren, wuchs im Schwarzwald auf, studierte in Basel Grafik Design und lebte dann über 40 Jahre in Mannheim, bevor er 2004 mit seiner Frau Rosl nach Klein Wanzleben zog. Hier in einer ehemaligen Schule, in einem ganz neuen sozialen Kontext begannen Dieter und Rosl Lahme ihre Lebenskreuze, an denen sie schon viele Jahre zuvor gearbeitet hatten, neu zu verstehen und neu ins Gespräch zu bringen. Hier in Ostdeutschland, wo Menschen zum Kreuz als christlichem Symbol oft kaum noch einen Zugang hatten oder haben, brachte der Künstler sein Lebenskreuz unermüdlich ins Gespräch.

Here and now sagt Dieter Lahme müssen wir uns dem Leben stellen, den Kreuzungen, den Entscheidungssituationen, den Dingen, deren Sinn uns oft verborgen bleibt. Here and now, ist Zuwendung gefragt, sehnen sich Menschen nach Erlösung und Sinn oder wollen vielleicht auch Aggressionen verarbeiten, die auszuleben Ihnen eine dogmatische Erziehung verbot. Here and now wird gelebt, gestorben, gelacht, geliebt und Kunst gebraucht, die im guten und nachdenklichen Sinne alte Sehweisen ver- rückt. Gute Literatur macht das auch. Religiöse und philosophische ohnehin. Deshalb sind die Lebenskreuzcollagen eines Dieter Lahme im Kloster Drübeck in bester Nachbarschaft mit seinen Bibliotheken und dem Buch der Bücher in allen Sprachen und allen Räumen.

Wenden Sie sich, liebes Publikum, den Lebenskreuzen zu, damit diese sich Ihnen zuwenden können. Treten sie ohne Vorurteile an den Tatort Kreuz und fangen sie dort an, das was sie immer schon dachten, noch einmal ganz neu zu buchstabieren.

Ich wünsche der Ausstellung „Tatort Kreuz“ im Kloster Drübeck Besucher, denen Vertrautes fremd werden darf und Fremdes vertraut. Ich wünsche der Ausstellung in der Passionszeit Menschen, die sich darüber freuen können, dass das Kreuz die Berührung mit dem Alltäglichen nicht fürchtet, sondern sucht. Und Euch Rosl und Dieter wünsche ich Ermutigung für Eure künstlerische Arbeit.

Gabriele Herbst, Pfarrerin der Hoffnungsgemeinde und Magdeburgerin des
Jahres 2005